Filmabend: “Kontinent K: Ágota Kristóf, Schriftstellerin aus Europa” (1998) & “Ágota Kristóf, 9 Jahre später…” (2006) von Eric Bergkraut

von Eric Bergkraut über die ungarisch-schweizerische Autorin Ágota Kristóf. Anmeldung erforderlich.

19:00 Uhr

Literaturhaus Mattersburg

Ágota Kristóf zählt zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1935 im ungarischen Dorf Csikvánd geboren, floh sie 1956 im Alter von 21 Jahren in die Schweiz. In Neuchâtel arbeitete sie zunächst fünf Jahre in einer Uhrenfabrik, lernte Französisch – und begann in einer fremden Sprache neu zu schreiben. Mit ihrem Roman Le grand cahier (dt. Das große Heft) gelang ihr 1986 der internationale Durchbruch. Das Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und begründete eine außergewöhnliche literarische Laufbahn. In Kristófs Büchern spiegeln sich Krieg, Diktatur, Emigration und Sprachverlust. Ihre Texte kreisen um Entwurzelung und um die Frage nach einem verlorenen Glück – vielleicht verborgen in der Erinnerung an die Kindheit.

Der Dokumentarfilm „Kontinent K.“ (1998) von Eric Bergkraut begleitet die Autorin auf einer Reise zurück in ihre ungarische Heimat, nach Kőszeg. Es ist ihre erste Lesereise dorthin seit ihrer Flucht. Der Film dokumentiert das Treffen mit Verwandten, Freunden und Weggefährten, in deren Verlauf sich die Grenzen zwischen dem Literarischen und der Wirklichkeit verwischen. In wiederkehrenden Gesprächen versucht Regisseur Eric Bergkraut, sich dem Rätsel Kristóf zu nähern. Es geht um elementare Fragen: Liebe, Schreiben, Tod – und um die Erfahrung des Exils. Ihre Lebensgeschichte und ihr Schreiben sind sehr eng mit Kőszeg verbunden. Agota Kristof ist 1956 von Ungarn in die Schweiz geflohen, ihre Biografie ist geprägt durch die Erfahrung des Lebens in einem totalitären System, der Emigration und den Verlust der Sprache. Die geschichtlichen und politischen Fakten tauchen in Kristofs Romanen nur als vager Hintergrund auf. Ihr eigentliches Interesse gilt der Seele, die sie, wie auch die Körperlichkeit des Menschen, ohne Tabu erforscht.

Der Film verwebt literarische Passagen aus mehreren ihrer Romane mit dokumentarischen Bildern und zeichnet so das Porträt einer Autorin, deren Leben und Schreiben untrennbar miteinander verbunden sind.

Unspektakulärer ließe sich die Rückkehr in eine verlorene Welt nicht beschreiben… keine Umarmungen, keine Freudentränen… der Exilant, so machen Bergkrauts Bilder von der Schriftstellerin Ágota Kristóf in Köszeg deutlich, verliert seine Heimat zweimal – das erste Mal, wenn er sie verlässt, das zweite Mal, wenn er zurückkommt […] Unbeweglich steht die Schriftstellerin an jenem Ort, der heute wie ein Feldweg aussieht. Sie sagt nur ein einziges Wort: „Schade.“ „Was ist schade?“, fragt Bergkraut. „Dass ich die Grenze überquert habe. Ich würde es niemals wieder tun“.
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Aus: EXPEDITION DER SCHWEIGSAMKEIT. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.4.98, Hubert Spiegel

In der kürzeren filmischen Fortsetzung „Ágota Kristóf, 9 Jahre später”(2006) trifft Eric Bergrkaut die Autorin erneut und nutzt die Gelegenheit ihr noch einmal Fragen zu stellen, die nach dem ersten Film offen blieben.

Ágota Kristóf

geboren am 30. Oktober 1935 im ungarischen Dorf Csikvand als Tochter eines Dorfschullehrers, aufgewachsen in den ungarischen Städten Kőszeg und Szombathely. 1956 floh sie mit ihrem Ehemann und ihrem Kind in die Schweiz, dort lernte sie zuerst als Fliessbandarbeiterin und dann als Studentin an der Universität Französisch. Ab 1978 schrieb sie auf Französisch Hörspiele und Theaterstücke. Mit der ersten Veröffentlichung von „Le grand cahier“ (Das grosse Heft) hat 1986 eine unerwartete Erfolgsgeschichte begonnen. Das Buch wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. „Das grosse Heft“ wurde 1987 zum «Livre Européen» gekürt, später kam es auf die Auswahlliste für den Prix Concourt. Weitere Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Monstrum (2010), Irgendwo (2007), Die Analphabetin. Autobiographische Erzählung (2005), Gestern (1995), Die dritte Lüge (1992), Der Beweis (1991).Es folgten zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u. a. 2001 den Gottfried-Keller-Preis, 2008 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.
Ágota Kristóf lebte mehr als 50 Jahren in Neuchâtel in der Schweiz, wo sie 2011 verstarb. 

Eric Bergkraut

geboren 1957 bei Paris, ist ein schweizerisch-französischer Filmemacher, Autor und ehemaliger Schauspieler. Als Sohn eines aus Wien geflüchteten jüdischen Vaters und einer Zürcher Mutter wuchs er in der Schweiz auf. Nach seiner Schauspielausbildung in Zürich arbeitete er mehrere Jahre am Theater und für den Film, bevor er sich dem Journalismus und schließlich dem Dokumentarfilm zuwandte. Seit den frühen 1990er-Jahren realisiert Bergkraut eigenständige Dokumentarfilme für Kino und Fernsehen. Internationale Aufmerksamkeit erhielten insbesondere seine Porträts der Schriftstellerin Ágota Kristóf (Kontinent K., 1998; Ágota, neun Jahre später, 2006) sowie seine politischen Arbeiten über Russland und Tschetschenien, darunter Coca – Die Taube aus Tschetschenien (2005), Letter to Anna (2008) über Anna Politkowskaja und Citizen Chodorkowski (2015). Wir Eltern (2019) ist sein erster Spielfilm. Seine Filme wurden mehrfach ausgezeichnet und auf internationalen Festivals – unter anderem an der Berlinale – gezeigt. 2007 gründete er gemeinsam mit der Schriftstellerin Ruth Schweikert die Produktionsfirma p.s. 72 productions. Eric Bergkraut lebt in Zürich und Paris.

Eintritt: Freie Spende

Aus organisatorischen Gründen ist eine Anmeldung unter lisa.schwarz_at_literaturhausmattersburg.at erforderlich.

Im Rahmen dieser Veranstaltung werden Fotografien und/oder Filme erstellt, die für Pressearbeit und Berichterstattung sowie in verschiedenen Sozialen Medien, Publikationen und auf unserer Website verwendet werden. Sollten Sie nicht damit einverstanden sein, wenden Sie sich bitte an das Team des Literaturhauses Mattersburg.

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