Adolfine Zirkovich-Tury

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Im Innenhof steht ein alter Kastanienbaum.

In voller Blüte. Sie hat das Gefühl, sie kann die Kerzen vom Fenster aus berühren, zu sich hereinziehen in die Wohnung im zweiten Stock. Das Bett hat sie so lange im Zimmer hin- und hergeschoben, bis sie den Baum im Liegen voll im Blickfeld hat. Die Krone des Baumes. Die Krone. Die Krönung.

Als ihr Mann noch mit ihr hier wohnte, musste bei der Ausrichtung des Bettes auf andere Gegebenheiten Rücksicht genommen werden. Zugluft zum Beispiel war ein Dauerbrenner in ihren Gesprächen. Er war sehr empfindlich, auch in den Gesprächen. Alles hieß bei ihm gleich Streit. Er kannte diese Abstufungen nicht: Meinungsaustausch, Meinungsverschiedenheit, Diskussion, Kontroverse...

Ja und eines Morgens - es ging darum, Vorhänge auf- oder zugezogen oder war doch der von ihr nicht erwünschte Ankauf von Rollos der Auslöser - eines Morgens ging er weg und kam nicht wieder.

Ein paar Tage wartete sie zu, dann fing sie mit dem Aufräumen an. Erst entfernte sie vom Klo die diversen Poster und Karten: „Hier wird im Sitzen gepinkelt!" Genützt hat es sowieso nichts. Ob sie diesen Uringeruch jemals wegkriegen würde? Vielleicht ein neuer Bodenbelag. Wenn es dann frisch und sauber roch und sich dieses Gefühl von Sauberkeit auch bis in ihr Bewusstsein gezogen und dort festgesetzt hat, wird sie neue Poster aufhängen. Nein, nein, keine Blumenbilder! Diese heimtückisch grinsende Kanalratte, die sich aus der Klomuschel stemmt, z. B. Oder den Kunstdruck, den ihr eine Freundin unlängst geschenkt hatte - ein kleiner, schwarzer Wolf mit einem plastikrosa Riesenpenis.

Und ein Bord für Zeitschriften. Nicht dass sie vorhatte, sich hier häuslich niederzulassen. Unlängst stand in der Zeitung, eine Frau habe ihr WC zwei Jahre nicht verlassen, der Lebensgefährte habe sie versorgt. Schließlich war sie an der Klobrille festgewachsen.

Ihr Mann hätte sie nicht versorgt. Keinen Tag lang. Sie durfte nun auch die Klotür offen lassen. Sie litt nicht an Klaustrophobie, aber der Raum war schon klein und eng.

Vom Klo aus schaute sie ins Badezimmer. Auf der Ablage stand noch sein Rasierpinsel. Struppig. Schäbig. Nicht ausgewaschen. Hier passte das Wort „Streitpunkt". Er fand, das ginge sie nichts an, wie er sein Rasierzeug behandle. Sie schrie, aber der Anblick! Mit dem Plastik - Einweghandschuh fasste sie das grausliche Utensil und warf es in den Müllsack. Die Zahnbürste gleich dazu. Kamm. Deo. Rasierwasser. Weg damit.

Sie stellte sich vor, wie das gewesen wäre mit Kindern. Was hätte sich durchgesetzt? Die Plastiktischdecke, das Vorhänge - Zuziehen, das Pinkeln im Stehen? Oder Pflanzendschungel, dekorative Unnützlichkeiten, unkompliziertes Nacktsein?

Sie sieht sich, wie sie ihrem Töchterchen zwei verschiedenfärbige Söckchen anzieht und ihrem Mann erzählt, die kaufe sie einzeln, weil sie so billiger seien. Oder wie ihr kleiner Sohn sich kaputt lacht über das Kanalrattenposter und sagt: „Jetzt versteh ich, warum die Männer nicht gern im Sitzen pinkeln!"

Unter dem Sofa zieht sie einen einzelnen schwarzen Männersocken hervor, noch gefangen im Schuh. Gibt es das ein zweitesmal in der Wohnung und sie hat es übersehen?

Sie legt sich ins Bett. Sie liest die Zeitung. In der von ihr bevorzugten Reihenfolge - erst flüchtig überblättern, dann einiges genauer - in manches verbeißen. Die kleinen Notizen haben es ihr angetan.

Wieder hat ein Hai einem Schwimmer ein Bein abgebissen.

Sie isst ihr Abendessen im Bett, stellt das Tablett auf den Boden, entfernt etwaige Brösel mit einigen eleganten Handbewegungen und wartet, bis der Mond aufgeht.

Zum/r Autor/in

Textprobe

geb. 1944 in Neuberg im Südburgenland, lebt zur Zeit in Mattersburg. 40 Jahre Lehrerin, seit 20 Jahren ehrenamtliche Bewährungshelferin.

Gehört dem Berufsverband d. Österreichischen Schreibpädagogen an, hält Märchenschreibtage, leitet Schreibworkshops für Erwachsene, Kinderschreibwerkstätten und Autorengruppen.

Veröffentlichungen:
Verschiedene Prosatexte in Anthologien (z.B. in „Flüsse, Brücken, Ufer", Edition die Donau hinunter), Märchenbücher gemeinsam mit Mag. Shobha Hamann: 2004 "Wintermärchen und Weihnachtsgeschichten", 2001 „Die goldenen Pferdeäpfel"

BEWAG-Literaturpreis für Prosa 2010

Autoren A - Z

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