Barbara Zeman

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Der Vorhang strich über die Wand, stieß gegen den Stuhl. Wallte wieder angestoßen von schwüler Luft ins Zimmer hinein und wich knapp vor dem Fauteuil zurück, als wollte der Stoff, scheu geworden, nicht in Gefahr laufen Immerjahn zu berühren, der dort mit offenen Augen lag. Er starrte, den Kopf leicht angehoben, auf den Stuhl und versuchte sich zu sammeln. Trübe taumelten schon sinkende Brocken eines Traumes noch vor seinen Augen, weiße Tiere strichen um seine Beine, die verwischten, dann gänzlich verschwanden. Während er die Wärme ihrer Körper noch schwach an den Waden spürte, versuchte er sich bereits vergebens an ihre Form, ihre Größe zu erinnern, größer als kleine Katzen und kleiner als große Hunde waren sie gewesen, aber Gesichter, die ihre Zuordnung erlaubt hätten, hatten sie keine gehabt.
Er lehnte den Kopf zurück. Er hatte das Museum in den letzten Wochen nur verlassen um zu duschen und frische Kleider anzuziehen, die Mahlzeiten hatte ihm die Köchin gebracht, die neben ihm stehend abgewartet hatte, bis er die Schüsseln geleert hatte; er hatte kaum geschlafen, und war, wenn es sich gar nicht vermeiden hatte lassen, zu den Stühlen im Foyer gegangen, die er zusammengerückt hatte und war dort, inmitten der Arbeiter, in finstren, traumlosen Schlaf gekippt. Meist war er nach einer Stunde, längstens aber zwei oder drei wieder hochgeschreckt, weil er in einer ungeschickten Bewegung die Stühle auseinander gedrückt hatte und sich ruckartig aufrichten musste, um nicht auf den Boden zu stürzen. Auch jetzt war er mit der abrupten Empfindung erwacht, die Stühle des Foyers lösten sich aus ihrer provisorischen Verkettung, und er hatte verdutzt nach der Armlehne des Fauteuils gegriffen, erst nach und nach verstehend, wo er sich eigentlich befand.

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geboren 1981 in Eisenstadt/ Burgenland, lebt seit sechzehn Jahren in Wien, wo sie Geschichte studierte und als Journalistin (u. a. Falter, The Gap, Die Presse) arbeitete. Derzeit nebenbei Frühstücksköchin im Wiener Café Jelinek.
Auszeichnungen:

2012: Wartholzpreis, 3. Platz des Literaturwettbewerbs der Akademie Graz, Literaturpreis des Landes Burgenland
2013: Teilnahme an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto Stiftung unter Leitung von Paul Jandl

Veröffentlichungen

2019: "Immerjahn", Roman, Verlag Hoffmann und Campe

in den Lichtungen, Ö1, Residenz Verlag (Wartholz III), Volltext, The Gap und Streulicht. Magazin für Fotografie und Artverwandtes., Federlesen (Anthologie der Jürgen Ponto Stiftung)

Autoren A - Z

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