Susanne Wisser

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Das Glück

 

Überall locken sie, überall hocken sie und preisen dir ihre Pfade zum Glück an. Da sitzt einer, der beschreibt dir genau den Weg, den du gehen mußt, um Erfüllung zu finden. Dort steht einer, der Pläne für eine Reise ins irdische Paradies verteilt. Du bist unschlüssig, triffst nach langem Überlegen deine Wahl. Du mühst dich ab, den vorgezeichneten Pfaden zu folgen, doch das versprochene Ziel erreichst du nicht. Man tröstet dich, erklärt dir, daß du Geduld und Ausdauer brauchst.

In deiner Verzweiflung wechselst du die Richtung, folgst einem neuen Lehrer, der dir beredt den Verlauf seines Weges beschreibt. Du folgst gehorsam seinen Anweisungen, gehst schneller, keuchst, läufst. Schon ziehen am Himmel die Nachmittagswolken auf; das Glück aber ist nicht in Sicht. Verzweifelt verläßt du auch diesen Pfad und setzt dich müde auf einen Stein. Du fühlst, daß dein Körper hohl ist, daß ihn nur eine dünne Haut zusammenhält. Du atmest um dein Leben, und irgendwann flüstert dir eine leise, kaum vernehmbare Stimme zu: Folge keinem ausgetretenen Weg, steig über Wurzeln und Steine, überquere Bäche, durchstreife Wälder, und du wirst an manchen Stellen das Glück glitzern sehen.

Aber du kannst es nicht aufheben und mit dir tragen, du mußt auch das Glück wieder verlassen und weitergehen, immer weitergehen, immer weiter, immer ...

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geb. 1943 in St. Corona am Schöpfl, Studium der Germanistik, Romanistik und Geschichtswissenschaft an der Universität Wien; AHS-Lehrerin in Oberpullendorf.

Veröffentlichungen:

„Träume, die ich Sibylle entlockt habe", Eisenstadt 1982
„Der Wunderapfel - Eine Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg", Wien 1997

Autoren A - Z

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