Peter Tyran

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Hätte das Dorf bloß anders geheißen...

 

Es war wohl der deutsche Name einer kroatischen Ortschaft im Burgenland daran schuld, dass die Sozialisten, aber auch die ÖVP, die Frage der zweisprachigen Ortstafeln und ihrer Aufstellung so in die Länge gezogen haben. Ich spreche hier von der nordburgenländischen Ortschaft Steinbrunn/Štikapron, die Jahrhunderte lang Stinkenbrunn hieß, bis man den Namen 1959 änderte.

Und jetzt komme ich zu meiner These, oder vielmehr Überzeugung: Der schärfste Gegner kroatischer bzw. zweisprachiger Topographie im Burgenland war der langjährige Bürgermeister Steinbrunns und später auch Nationalratsabgeordneter der SPÖ Fritz Robak - er wollte es nicht zulassen, dass „sein" Dorf offiziell den kroatische Namen Štikapron, korrespondierend zum deutschen Stinkenbrunn, trägt. Denn Robak investierte seine ganze Kraft und Überzeugung, seine politische Macht, um diese unglückliche Benennung zu ändern, und er wollte und konnte sich von den Kroaten nun seinen Erfolg nicht zunichte machen lassen: denn sein Stinkenbrunn wurde offiziell in Steinbrunn umbenannt.

Die zweite These, oder vielmehr Überzeugung: hätte Robaks Heimatdorf nicht Stinkenbrunn geheißen, sondern einen wohlklingenderen Namen getragen, wie zum Beispiel Süßenbrunn, Schönabrunn oder sogar Heilquell oder Heilbrunn, und wäre die kroatische Bezeichnung ähnlich lieblich, Slatka Voda, Lipi Izvor oder Zdrava Voda, er hätte wahrscheinlich die zweisprachigen Bezeichnungen und Ortstafeln akzeptiert. Damit hätten auch seine Anhänger und Gefolgsleute, beispielsweise der hochgeschätzte, damalige SP-Mastermind Gerhard Frasz und auch Bundeskanzler Fred Sinowatz, der in Volksgruppenfragen immer auf seinen Genossen Robak hört, kein Problem mehr damit gehabt. (Mögen sie alle drei in Frieden ruhen.) Doch auch der ehemalige „König" des Burgenlandes, Landeshauptmann Theodor Kery, und damit auch viele sozialdemokratische Vertreter und Bürgermeister, hätten wohl zugestimmt. Und auch einige ÖVP-Vertreter und Bürgermeister Angst vor der Zweisprachigkeit, doch konnten sie sich hinter Robak verstecken. Dies haben sie auch gerne gemacht, denn so hatte nur er das negative Image des „Ober-Assimilanten".

Und auch die dritte These scheint mir sehr plausibel: hätten die damaligen Minderheitenvertreter und all jene, die sich für die Rechte der Minderheiten eingesetzt haben, erkannt, was die wahre Wurzel und „des Pudels Kern" in dieser Frage war und das Robak den kroatischen Namen seiner Ortschaft so sehr verabscheute - und nicht unbedingt seine Zugehörigkeit zur kroatischen Volksgruppe, wie man lange annahm - nein, nur diesen Namen, den er mit aller Kraft schließlich auch zu ändern vermochte - man hätte ihm einfach eine Namensänderung vorschlagen können, dem Dorf einen schönen, positiv besetzten Namen geben. Man hätte damit sogar diese Ortschaft und ihre Bewohner aufwerten können.

Aber da das niemand bei Zeiten erkannte hat Fritz Robak diese Welt verlassen ohne jemals die kroatische Bezeichnung auf der zweisprachigen Ortstafel seines Dorfes lesen zu müssen. Denn diese kroatische Benennung zeigt die Etymologie des Ortsnamens - und dafür hätte sich eigentlich niemand schämen müssen.

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geb. 1955 in Novo Selo/Neudorf; studierte Anglistik, Slawistik und Philosophie in Beč/Wien; 1978 Chefredakteur der kroatischen Kulturzeitschrift aus dem Burgenland "Pokus"; 1983 Herausgeber der Anthologie zeitgenössischer kroatischer Lyrik "Ptići i slavuji/Hawks and Nightingales«; seit 1984 Chefredakteur der kroatischen Wochenzeitung "Hrvatske novine"; seit 1995 Kurator des Kroatischen Zentrums in Wien.

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