Kurt A. Schantl

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Wer spricht in mir?

 

Diese Frage zu beantworten, zwingt mich,

ein Bekenntnis abzulegen. Es ist nichts anderes als das Geständnis eines Räubers. Wenn auch nur eines literarischen. Ja, ich bin eben dabei, mich als eine Art von „literarischen Vampyr" zu decouvrieren: Ich gestehe, daß ich mich seit Jahren an längst verstorbenen Kollegen vergehe und dadurch zu Untoten mache, damit sie mich auf diese Weise am Leben erhalten. Und so bin ich im Laufe der Zeit zu einem Bündel literarischer Abhängigkeiten geworden-.

Und wenn Sie mich heute fragen: „Wer spricht in Ihnen?", so muß ich darauf antworten, daß ich es nicht weiß; denn zu viel habe ich mir einverleibt, mir angeeignet. Es ist auch kein Wunder: Irgendwo, ich glaube es war bei LE BON, habe ich gelesen, daß ich, wollte ich meine Vorfahren, nun sagen wir, bis lediglich zum Jahre 1000 zurückführen, so ungefähr zwanzig Millionen Ahnen hätte ... Und glauben Sie wirklich, daß sich da nicht ein einziger darunter fände, der sein Erbe in mir - günstige Umstände vorausgesetzt - geltend zu machen imstande wäre -? Der in der Lage wäre, mit dem von mir Aufgesogenen eine Kalzinierung, eine Sublimierung, ja sogar eine Transmutation zu bewerkstelligen ?

Und so gesehen werden Sie verstehen, daß ich nichts bin, als eine Ansammlung von Kehricht, ein Kompost aus Angelesenem. Und was hilft es dabei, zu wissen, ob „die Vergangenheit eine Konditionierung der Gegenwart" ist oder eher „die Gegenwart eine Disposition der Vergangenheit", wie ich mir zu WALTER BENJAMINS Theorie vom Fortleben literarischer Werke in seinem Aufsatz über „Die Aufgabe des Übersetzers" angemerkt habe?

Eben darum halte ich es mit „der Einsicht und Anerkennung (UMBERTO ECOS), daß die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefaßt werden muß: mit Ironie, ohne Unschuld."

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geb. 1950 in Wiener Neustadt. Seit 1974 Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturzeitschriften u.a. auch der Slowakei, zahlreiche Funkerzählungen bzw. Hörspiele für ORF-Studio Burgenland, Ö1 sowie für Radio DRS, Schweiz. Mitglied des Österreichischen P.E.N.-Clubs

Veröffentlichungen: Beiträge in Anthologien, „Das Zeichen des Einhorns", Roman, Wien 1988; „Gallahahn -Eine Zerstörung", Theaterstück, 1994.

Autoren A - Z

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