Gerhard Neumarkt

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Auf dem Campo Francesco Morosini ließen wir uns im Caffè San Stefano nieder, schlürften Espressi, redeten viel und beobachteten das Treiben auf dem Campo. Abermals lud uns die Stadt ein, zu bleiben, gleich wo, denn jeder Fleck im Herzen der Serenissima ist ein Platz für Liebende, vergangener und gegenwärtiger Lieben, ein Ort der Abgeschlossenheit, Venedig genügt sich selbst, dachte ich, und das Geheimnis von Rahel und mir war nicht nur eine Reise in uns selbst, sondern auch und letzten Endes eine Reise ins Innerste der Erde, ein tellurisches Ereignis; Vulkan oder Sadianit. Keineswegs vernebelte Gedanken, sondern aufmerksames Sehen, wache Neugier für das, was mich umgibt; dennoch kein Don Juan, kein selbstloser Verführer; selbstloser als jeder Tourist in Venedig, der eingeengt (durch Reiseführer und vorgegebene Besuchsrouten) die venezianische Kultur immer nur indirekt erfahren kann. So wie wir nicht die Einzigartigkeit der Lust suchen, sondern die Wiederholung. Unser endloses Umherschweifen, manchmal ein ohrenbetäubendes Karussell, dann wieder den lang gezogenen Kurven des Canal Grande in nächtlicher Stille folgend, hatte offenbar nur ein Ziel: die Gegenwart selbst, eine immer wiederholte. Selbst die Zeit kehrte immer wieder zurück und begann von neuem, sie zerstörte und heilte nicht, sie hatte nur dies im Sinn: alles wird auf die Spitze der Lust getrieben, das Ergießen von Körpersäften und Sperma. Die Ausschweifung entsprach unserer Einbildungskraft; insofern waren wir Sprachakteure. Erhitzte, elektrisierte und auch verwirrte; die erotische Energie der Ruhe nach der Erregung, sich selbst unterhaltend, erneut erotisiert und erhitzt, erneut zu sagen: ich halte es nicht mehr aus, jetzt, erneut der Schrei, Blut zertrümmerte die Körper, entäußerte sich im anderen. Bis ins Unendliche. Aber ist die Zerstörung nicht die Ironie im Unendlichen? Begeben wir uns da nicht in Sprachruinen? In die Nähe des lebenden Bildes? Zertrümmerung heißt auch Immobilisierung und Einrahmung, vor dem ein Zuschauer, ein Fetischist, der Leser, der Autor stehen.

Dagegen unsere Ausschweifung als Ablaufendes; Leser und Autor verlassen ihren Standort, ihren Sessel und treten in das gerahmte Bild ein, verleiben sich unserem Spiel ein, das keine Darstellung mehr ist, sondern Aktion, eine Szene, welche wiedergibt, was läuft, nicht wahr? Vielleicht noch das Durchgemischte wie bei „Intervista": Federico FELLINI und die japanischen Interviewer, Marcello MASTROIANNI und Anita EKBERG, das läuft, das tanzt „La Dolce Vita", das trinkt Grappa, das steht im Trevi-Brunnen und das verbeugt sich vor klatschenden Zuschauern. Theater? Ein Film? Das Schattenspiel?

Aus dem unveröffentlichten Roman „Die Sommerfrau" 2008

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geb. 1948 in Graz, Studien bei Silveri und Szyszkowitz. Journalist, Buchhändler, Sozial- und Lernbetreuer. Als Maler Ausstellungen u.a. in Graz, USA, Burgenland. Veröffentlichungen von Essays, Prosa, Gedichten.
Sonderpreis zum BEWAG-Literaturpreis 2000, Preis „Fundraising Essay" 2007.

Zahlreiche Veröffentlichungen:

zuletzt „Wie der Spiegel dazu kam, der liebe Gott zu sein", edition lex liszt 12, Oberwart 2007

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