Helene Flöss

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Du wilder Mensch, sagen sie alle und fürchten sich. Sie stehen meiner Unbedingtheit verwirrt gegenüber. Es gibt niemanden, der bereit wäre, sich mit mir einzulassen ohne Vorbehalt. Du hast dich nicht gefürchtet, Vater, du hast mit meinem Ungestüm gespielt. Warum suche ich auch einen Vater, wo ich doch um deine Einzigartigkeit weiß?

Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein. Das dritte ist dein Spürauge, Nene. Dein Stirnauge hat kein Lid, deshalb kann es nicht schlafen gehen.

Es wird aber nie müde, Vater.

Das Stirnauge ist nackt. Seit du deine Hand nicht mehr darüberbreitest, Vater, trifft jedes böse Bild. Schmerzen von Schneeblindheit.

 

Hier ist alles wie immer. Zum dreizehnten Mal dieselbe Insel, dasselbe Meer, dasselbe Haus; leise Ahnung von Beständigkeit in einem unsicheren Land. Auch ein tosendes Meer verändert in dreizehn Jahren keinen Stein am Felsriff. Ringsum erhält die Natur sich selbst, Zikaden, Vögel und Brombeeren. Für den Fortbestand der Welt sind wir Menschen überflüssig.

In Schulterhöhe geschichtete Steine säumen die Wege. Kein Mörtel hält sie zusammen. Achtsam gefügt greifen sie wie Nut und Feder ineinander. Dahinter ein Eselpaar; es hilft dem kargen Gestrüpp des trockenen Weideplatzes mit Büscheln von Grünzeug nach, das es von der Friedhofsmauer rupft. Schöne schlanke Köpfe mit Schlitzaugen auf dem dunklen Fell, gereckte Hälse. Der Bauer schiebt einen Schubkarren vor sich her. Drinnen liegt ein Schaf mit zusammengebundenen Füßen. Wir schauen einander ins Gesicht, der weißhaarige Alte und ich. "Ha finito di vivere", sagt er, ausgelebt. Das Schaf hebt den Schädel, schlägt ein paar Mal mit den Lidern und läßt den Kopf hart auf die Kante des Karrens zurückfallen; ein dumpfer Aufschlag. Wozu hält ein Bauer Schafe? Heute wird er sein bestes schlachten und für seinen Sohn zubereiten. Der fährt morgen wieder nach Deutschland.

 

aus: "Briefschaften", Innsbruck 1994.

 

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geb. 1954 in Brixen, Südtirol, Lehrerin an der Mittelschule in Brixen; lebt seit 1991 in Großhöflein.

Seit 1986 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Beiträge in Anthologien, literarische Beiträge im ORF und in der RAI, Bozen.

Bücher: "Mütterlicherseits" Erzählung, Innsbruck 2010; "Der Hungermaler" Erzählung; Innsbruck 2007; "Brüchige Ufer" Roman, Innsbruck, Wien 2005; "Dürre Jahre" 1998; "Spurensuche", Erzählungen, 1992; "Briefschaften", Roman (mit Walter Schlorhaufer), 1994; "Wieviele Tode stirbt man im Traum", 1996; "Dürre Jahre", 1998, "Nasses Gras", Erzählungen, 1990;

Autoren A - Z

Diese Website verwendet Cookies zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung