Manfred Chobot

Foto: Hans Wetzelsdorfer

Dorfgeschichte

"Sperrstunde", erklärte der Wirt seines Stammlokals und ließ nicht mit sich handeln. Der Heimweg blieb ihm nicht länger erspart. Dagegen half auch nicht, daß er schon seit dem Frühschoppen dasaß.

Er startete seinen weißen Opel Kadett und fuhr los - die gewohnte Strecke. Er kannte sie sogar im Schlaf oder einem entsprechenden Zustand. Da tauchten mit einem Mal gelbe Lichter und rote Dreiecke vor ihm auf. Warnend blinkten die gelben auf dem Dach eines Gendarmeriewagens: signalisierten einen Unfall. Umgestürzt lag ein Lastwagen im Straßengraben. Er stoppte, um den Fall zu erkunden. Stieg aus seinem Auto. Gendarmen und Neugierige nahmen sich bereits der Sache an. Einige von ihnen kannte er, und sogleich mischte er sich ein. Hatte Ratschläge zur Hand und half mit Sprüchen, die ihm weise schienen. Redete. Obwohl seine Zunge tat, als hätte sie Schwierigkeiten mit ihm. Man riet ihm, besser nach Hause zu fahren. Die Kumpels meinten es wohl. Schließlich ließ er sich überreden, gehorchte dem Organismus. Stieg ins Auto und jagte davon. Er genoß den Rausch der Geschwindigkeit.

Daheim angelangt, fiel er augenblicklich in sein Bett, um auszuschlafen. Den Schlaf des Berauschten.

Plötzlich ein Klingeln an der Tür. Eindringlich. Seine Frau bekleidete sich notdürftig und öffnete. Die Gendarmen fragten, ob ihr Mann zu Hause sei. Sie bejahte mit gutem Gewissen: Er sei schon vor einiger Zeit gekommen, liege im Bett und schlafe. Ob sein Wagen in der Garage stehe, sein weißer Opel Kadett? Die Frau meinte, sie habe ihn hineinfahren gehört. Sie sei sich dessen ziemlich sicher. Ob sie nachsehen könnten? Der zweite der Gendarmen nickte heftig. Die Frau öffnete das Garagentor. Drinnen stand ein weißer Opel Kadett mit der Aufschrift GENDARMERIE.

Zum/r Autor/in

Textprobe

Geb. 1947 in Wien, Studium der Kulturtechnik, freier Schriftsteller; Mitglied der Grazer Autorenversammlung und Vorstand der GAV Burgenland, der Autorenvereinigung "Kogge" und des Internationalen Dialektinstitutes, Obmann des "Podium", Herausgeber der Reihe "Lyrik aus Österreich", zahlreiche Preise und Stipendien.

Veröffentlichungen:

zuletzt erschienen:
2017 "Franz – Eine Karriere." 13 Erzählungen Löcker Verlag, 2017 "nur fliegen ist schöner." Ausgewählte Gedichte, Löcker Verlag, 2015 "Die Briefe der Hausmeisterin Leopoldine Kolecek". Illustrationen von Alfred Hrdlicka. Löcker Verlag, 2015 "Das Killer-Phantom". 36 Mini-Krimis. Löcker Verlag, 2015 "Doktor Mord". 52 Mini-Krimis. Löcker Verlag, 2013 "Mich piekst ein Ameisenbär. Weltgeschichten", Löcker Verlag Wien; 2011 "Ein Tag beginnt in der Nacht - Eine Erzählung in Träumen", Sonderzahl; 2011 "Versuch den Blitz einzufangen", Limbus Verlag Innsbruck; 2009 Reise nach Unterkralowitz, Roman; 2009 "Blinder Passagier nach Petersburg", Interviews und Essays, Oberwart; 2003 „Reisegeschichten", Weitra; 1992 „Dorfgeschichten" Weitra; www.chobot.at

Autoren A - Z

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