Aus: Keine Kassen, Erzählung (ausgestrahlt am 2. 6. 2008 auf Ö1)

Kennen Sie übrigens Eisenstadt? Landeshauptstadt im Burgenland, ich sage nur: im Osten? Im Nordosten? Versteckt von Bratislava durch ein paar Bäume auf einem Erdaufwurf? Gekrönt durch ein Schloss, was soll ich sagen, ackergelb? Fußgängerzönchen? Gestreu am Leithagebirge? (Und überhaupt: Gebirge...ein Irrtum der ungarischen Tiefebene... ein genetischer Fehler, bestimmt...) Kommen Sie mit dem Zug aus Wien heran, fahren Sie zunächst durch die Glattheit Niederösterreichs, ein gespenstisches Glattsein, im Sommer sirrend, den Atem stockend wie Topfen, im Winter viel zu weit fürs Auge (nämlich anders als die oben erwähnte, das Herz erbauende, ungarische... Sie wissen schon ... die nämlich, ein Raum gebender Raum, wohingegen Niederösterreich...) und steigen Sie in Wulkaprodersdorf um: Umschlagplatz, kroatisch sprechende Dorfmetropole, wichtige Station, und von da aus: das Gemächt Eisenstadt in der Wunderaufwölbung der Landschaft. Aus der Ferne. Dann gelangen Sie mit einem Zug aus einem Waggon nach Eisenstadt, auf der Durchfahrt nach Weiter; Frauen in den Sitzen werden samtenes Ungarisch sprechen, und Sie, Sie schauen auf das Häuserstaunen an diesem Abhang. Ein Gebilde; als sei der Stadt ihr eigenes Auftauchen unerklärlich. Das kleine Aufgespreiztsein. Es ist bewundernswert, diese Eisenstädter Durchorganisiertheit, dieses Burgenländertum. Wo die Adresse der Fernsehanstalt „Buchgraben" heißt und der Landeshauptmann in den Siebzigern sich noch die Hände von Frauen küssen ließ, wie mir erzählt wurde: „oben im Seewinkel".

Wir sind ein Korn- und ein armes Land, Händedrücker und Trinker, wir sind ein Allerleisprach-Gemixe, die Nachbarn sprechen Kroatisch, Ungarisch, Romanes (die Seßhaft-Gemachten, Nicht-mehr-Nomaden, die in die Siedlungen gedrängten Nachfahren von Ermordeten und die ermordet Werdenden: 1995 erst, eine Rohrbombe in Oberwart, vier Tote), wir essen fett und haben Herzinfarkte, wussten Sie schon...? Und lachen auch noch dazu, oder nein: in den Kirchen und vor den Fernsehern beten wir, und ... Die schmalste Stelle des Burgenlands könnte man wahrscheinlich umfassen mit zwei Fingern; wie man auf der schmalsten Stelle Kretas zwei Meere sehen kann, eins links, eins rechts; und das Burgenland hat die Form eines Stiefels. Wie Italien.

Zum/r Autor/in

Geboren 1979, studierte Sprachwissenschaft und Russische Philologie in Wien, Sankt Petersburg und Glasgow. Lebt und arbeitet in Wien und im Burgenland.

Veröffentlichungen:

"Macbeth Melania", Milena Verlag 2020, "Die Wahrheit ist ein Heer", Styria Verlag 2012, "Berührungen - Hertha Kräftner zum 80. Geburtstag" (als Herausgeberin) 2008, das Hörbuch „Die Oberwarter Sinfonie" 2009, der Lyrikband „Alpha, Theta, Kitsch und Hirnblumen" 2007, „Schnitte - Portraits - Fremde" 2005, alle in der edition lex liszt 12; „Die erzählte Stadt. Unbekanntes Sankt Petersburg" Herbig 2006

Ihre Theaterstücke „Dorf.Interrupted" und „Messe für Eine" wurden im OHO (Offenes Haus Oberwart) uraufgeführt; „Messe für Eine", eine weibliche Liturgie, gastierte 2009 im Kosmostheater Wien. Der Text liegt in der edition lex liszt 12 vor.

"Marinas letzte Briefe.Poem für Zwetajewa" Theatertext, edition lex liszt 12, 2019

www.katharinatiwald.at/

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