- wer bist du, fragst du und wunderst dich.

- gib du mir einen namen.

tauche mit mir bis auf den grund des meeres, und taufe mich dort.

Aber hole tief luft, der sauerstoff ist die quelle des lebens, denn die tiefe ist tief, und der tiefenrausch auch, orientiere dich an den boten der traumzeitbewohner, den delphinen, mittler zwischen sternenvolk und uns kindern der welt, sie zeigen uns den rhythmus der energie und wie wir emotionen durch den atem entlassen können, sie lernten als erste, daß alle verständigung auf mustern und rhythmen beruhte und daß der neue gesichtspunkt der verständigung der ton war, und das lachen.

und dann gib mir einen namen.

a oder o oder yam oder kleines geschenk ...

kleines geschenk, der name eines jungen stieres, den sie vor meinen augen in einer arena in mexico getötet haben, und anschließend die haut abgezogen. damals verspürte ich zum ersten mal im leben den wunsch, selbst zu töten, aber keine wimper fiel von mir, um sie wegzublasen: matator, töter, den töter zu töten, zuvor ihm aber viele bunte banderillas in den körper zu stoßen, da johlt die menge, wenn die zunge immer schwärzer wird und immer länger, ihn auszutricksen, benommen zu machen, gegen schatten kämpfen zu lassen, ihn müde zu machen, um ihn dann empfangend, wie sie das nennen, zu töten, lebensmüde in die falle zu gehen, ins offene schwert zu laufen, ja!, tier gegen mensch!, nein, diese langen gebogenen schwarzen jungstieraugenwimpern, die waren's, die machten mich verrückt.

hast du plötzlich keinen namen mehr für mich? keine empfindung? keinen ton? weißt du es nicht, aber ja doch, unsere zweifel sind verkleidete segen, das hatten wir doch schon, wie wär's mit: das tödliche mädchen oder tier oder wenn das auge bricht?

rot rot rot

ist meine liebste farbe

blau blau blau

ist alles

was ich hab...

aus: „Namensgebung",„Aufzeichnungen einer Blumendiebin", Klagenfurt 1996

Zum/r Autor/in

Geboren 1962 in St. Michael, aufgewachsen in Deutsch Jahrndorf. Studium der Germanistik und Romanistik. Lebt und arbeitet als freischaffende Schriftstellerin in Wien und im Burgenland. Schreibt Erzählungen, Romane, Miniaturprosa, Lyrik, Theaterstücke, Essays.

Sie erhielt mehrere Auszeichnungen und Stipendien, u.a. Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium, Hertha Kräftner-Preis, Erster Preis für Bühnenstücke des Landes Burgenland, Wiener Autorenstipendium, Österreichisches Staatsstipendium, Projektstipendium.

Zahlreiche Veröffentlichungen seit 1986 in Literaturzeitschriften und Anthologien, im Radio.
Bücher, zuletzt: Die Gastgeberin, Roman, Verlag Bibliothek der Provinz 2018, Aus einem Strich die Landschaft, Edition Lex Liszt 12, 2015, Süß oder scharf, Roman, Anna hat zwei Tage, Erzählungen, Muss das schön sein, im Toten Meer Toter Mann zu spielen, Miniaturprosa, Restplatzbörse, Roman, alle bei Bibliothek der Provinz, Weitra.

www.karinivancsics.at

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