Das Fenster zur Welt
Romanauszug

Hanna hatte nie gedacht, dass sie ihre Mutter überleben wird. Sie stand vor dem Holzbett, in dem der tote Körper lag, der kaum mehr als Haut und Knochen war. Was hatte sie sich bloß gedacht? Dass sie den Nachttopf ihrer Mutter bis in alle Ewigkeit ausleeren muss? Immerhin war sie hundert Jahre alt geworden, wenige Wochen vor Hannas eigenem achtzigsten Geburtstag. Langsam lief ihr eine Träne über das Gesicht, die sie schnell abwischte. Sie wollte nicht weinen. Sie hätte natürlich sofort das Bestattungsunternehmen rufen können, aber nachdem sie bei ihrer Großmutter gesehen hatte, wie unsensibel, hart und rau dort mit Toten umgegangen wurde, wollte sie selbst tun, was zu tun war. Beim Anziehen des schönen schwarzen Kleides hatte ihr der Bestatter damals die Schulter gebrochen. Hanna konnte sich noch genau an das Geräusch erinnern, den lauten Knacks, der im stillen Schlafzimmer so unbarmherzig geklungen hatte. Dem kleinen Mädchen, das sie damals gewesen war, hatte sich das Bersten des Knochens als Geräusch des Todes für immer eingeprägt. Nein, das sollte ihrer Mutter erspart bleiben. Sie wollte ein letztes Mal das machen, worum sie die letzten Jahre immer gekämpft hatte: ihrer Mutter etwas Würde bewahren. Das war schwer genug gewesen, der Krebs hatte nicht nur ihren Körper zerstört, er hatte auch ihre ganze Persönlichkeit in Beschlag genommen. Als wäre all das, was einen Menschen ausmacht, nicht schwerer als eine Feder, auf jeden Fall so leicht, dass es mit dem Windhauch eines Diagnoseblattes fortzuwehen war. Hanna hatte ihre Mutter als liebevollen Menschen gekannt, der sie ihre ganze Kindheit über vor dem Vater beschützt und den Kampf mit diesem so viel stärkeren Mann nie gescheut hatte. Aber in den letzten Jahren war sie unerbittlicher und bösartiger geworden. Nur die alten Kinderbücher, die Hanna ihr jeden Abend vorgelesen hatte, hatten ihr bis zuletzt so etwas wie Freude bereitet. Jetzt rückte Hanna das Nachtkästchen zur Seite, holte die Emailwanne aus der Küche und stellte Wasser auf die Herdplatte. Dann nahm sie den blauen Lappen vom Wäscheständer und fühlte den weichen Stoff, den einzigen, der ihrer Mutter nicht wehzutun schien. Sie sah sich in der Wohnung um: Nur eine winzige Küche und ein Schlafzimmer,

Zum/r Autor/in

Geb. 1981 in Eisenstadt, lebt als Schriftsteller und Journalist in Wien. Er studierte Theaterwissenschaft und Publizistik in Wien, Amsterdam und Utrecht. Zweimalige Teilnahme am Programm Neues Schreiben des Wiener Burgtheaters. Journalistische Arbeiten zu Theater, Tanz und Oper in internationalen Medien.

http://www.juergenbauer.at/

Veröffentlichungen

"Ein guter Mensch", Roman, Septime Verlag, Wien 2017
„Was wir fürchten", Roman, Septime Verlag, Wien: März 2015
„Bus aus Sopron", Kurzgeschichte in: „übergrenzen", Septime Verlag, Wien: Frühjahr 2015
„Das Fenster zur Welt", Roman, Septime Verlag, Wien: 2013

„No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky", Monographie, Edition Steinbauer, Wien: 2008
„Verfallende Körper - Verfallende Welten. Zu Barrie Koskys Inszenierung von Wagners 'Ring'", Beitrag für den Bildband zur Neuinszenierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen" an der Staatsoper Hannover: 2011

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