Wie ist Krieg? 1

mit Nicol Ljubić

Opfer, Täter – Schuld?

Mi 08.10.2014 19.00 Uhr

Literaturhaus Mattersburg

Das Gedenken zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren bringt das Phänomen Krieg in Europa heuer vermehrt in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Durch den ersten Weltkrieg wurde die europäische Landkarte fundamental umgestaltet, die regierenden Monarchien in Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland umgestürzt, die sozialen Verhältnisse und kulturellen Orientierungen wandelten sich grundlegend. Kampftaktiken, Waffen und Kriegsführung haben sich zwar verändert, nach wie vor aber führen Nationalismus, staatliche Repression und ungleicher Wohlstand zu kriegerischen Auseinandersetzungen sowohl in Europa, als auch anderswo auf der Welt. Um sich dem Thema Krieg und seinen Facetten anzunähern, stellt das Literaturhaus Mattersburg zwei AutorInnen vor, die sich mit dem letzten Krieg ganz in unserer Nähe auseinandersetzen, mit dem Jugoslawienkrieg. Dieser bezeichnet etliche kriegerische Auseinandersetzungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Er begann 1991, ausgelöst durch den Zerfall des Staates Jugoslawien, und dauerte fast 10 Jahre.

 

Wer hat Schuld?


Der Berliner Journalist und Autor Nicol Ljubić verwandelt in seinem Roman Meeresstille Realität in Fiktion. Er legt das Unfassbare der europäischen Zeitgeschichte in eine prosaische Liebesgeschichte. Robert liebt Ana: Sie ist eine junge Serbin, die ihre Heimat nach den Kriegsjahren verlassen hat. Er ist ein Deutscher mit kroatischen Wurzeln, ein Doktorand der Geschichte, der die Kriegsereignisse im Ex-Jugoslawien der 1990er Jahre kaum zur Kenntnis genommen hat. Im Berlin der Gegenwart lernen sie einander kennen und lieben. Doch hinter dem privaten Glück lauert ein Abgrund. Ana gehört zur jüngsten Generation von Europas Kriegstraumatisierten und ihr Vater, ein anerkannter Anglistikprofessor und Shakespeare-Experte, soll Mitverantwortung an einem Kriegsverbrechen tragen. Dabei sollen muslimische Zivilisten auf qualvolle Weise zu Tode gekommen sein. Ana verschweigt diese Last - für sie hat einzig das Bild des liebevollen, aufmerksamen und interessanten Vaters Gültigkeit.

 

Können Kriegsverbrechen gesühnt werden?


Robert möchte das Unausgesprochene und die Zusammenhänge begreifen und seine Liebe zu Ana retten. Er reist nach Den Haag, um dem Prozess gegen Anas Vater am Kriegsverbrechertribunal beizuwohnen. Dabei geraten seine Vorstellungen von Schuld und Unschuld, Wahrheit und Lüge arg ins Wanken. Es wird ihm bewusst, wie der Krieg die Realität und Wahrnehmung von Gerechtigkeit korrumpiert.


Nicol Ljubić wagt sich literarisch an eine Wunde, die mitten durch Europa und mitten durch unsere eigenen Erfahrungen führt: Auch wir haben damals die Bilder der Flüchtenden, der Massaker und Bombardierungen gesehen - und trotzdem fast nur weggeschaut. Genau diese Position des Wegschauens wird im Buch reflektiert. Nicol Ljubić selbst hat kroatische Wurzeln: 1971 wurde er in Zagreb geboren und wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Als Journalist lebt er heute in Berlin und lässt sein Recherchier-Handwerk auch in sein literarisches Schaffen einfließen. Zuletzt erschien von ihm 2012 der Roman Als wäre es Liebe. Für Meeresstille erhielt er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Burgenland

und der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung.

 

ACHTUNG: INFORMATIONEN FÜR BESUCHERINNEN DER LESUNG

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