Überhöhte Strahlenwerte

Bücher von Merle Hilbk und Elisabeth Filohl

Eine Reportage über einen Besuch in Tschernobyl 25 Jahre nach der Katastrophe und ein Roman über den Mikrokosmos Atomkraftwerk.

Do 15.09.2011 19 Uhr

Literaturhaus Mattersburg

Zu Beginn der Saison stellt das Literaturhaus Mattersburg zwei AutorInnen vor, die als Jugendliche den Reaktorunfall von Tschernobyl erlebt haben und sich literarisch mit der eigenen Angst und Hilflosigkeit gegenüber politischer Verantwortungslosigkeit und zugleich mit dem Mikrokosmos Atomkraftwerk an sich auseinandergesetzt haben.

Leben nach der Katastrophe

Vor 25 Jahren ereignete sich im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl eine nukleare Katastrophe, die bis zum heurigen Jahr und dem Gau in Fukushima als die größte in der Geschichte der Kernenergienutzung galt. Die Berliner Journalistin Merle Hilbk reiste 2009 und 2010 mehrere Monate durch die verstrahlten Gebiete Weißrusslands und der Ukraine, bis hin zum Reaktor. Auf ihrer Reise trifft sie Menschen, deren Leben durch Tschernobyl geprägt wurde: einen Alkoholiker, der im Delirium die Evakuierung verschlief, einen Game-Designer, der mit Tschernobyl-Computerspielen erfolgreich ist und Menschen, die als Folge der Verstrahlung zu müde und zu kraftlos sind, um zu arbeiten. Begleitet wird sie von Mascha, einer jungen Frau, die 1986 in der Nähe von Tschernobyl geboren wurde, zur Generation der „Tschernobyl-Babys" gehört und einen ganz eigenen Blick auf die Katastrophe hat.

Job im Kraftwerk

In ihrem 2010 in Frankreich erschienenen und preisgekrönten Erstlingsroman „Der Reaktor" arbeitet sich die als Wirtschaftswissenschaftlerin tätige Autorin Elisabeth Filhol erzählend in die Sperrzonen der Atomkraft vor, eine bestürzende fremde Welt, ein gespenstisches Paralleluniversum, bevölkert von Randexistenzen, die dafür sorgen, dass die Reaktoren laufen. Yann ist einer von ihnen. Drei seiner Kollegen haben sich umgebracht. Als moderne Wanderarbeiter, erledigen sie ihren Job im Kraftwerk und ziehen weiter. "Neutronenfutter" nennen sie sich selbst, geprägt sind sie von der Sorge um die „Dosis". Zwanzig Millisievert im Jahr ist der gesetzliche Höchstwert, die Überschreitung des Wertes bedeutet ein zeitweiliges Arbeitsverbot. Das Buch ist ein atemberaubender Blick auf einen Teil unserer Welt, der jenseits der Sichtbarkeit liegt. Merle Hilbk stellt am 15. September ihre Reportage „Tschernobyl Baby" im Literaturhaus vor. Elisabeth Filhol steht leider für keinerlei Veranstaltungen zu ihrem Buch zur Verfügung, aus dem Text wird Sabine Schmall lesen.